home

 

Für viele Tiere konnten wir ein schönes Zuhause finden.
Einige möchten wir Ihnen hier vorstellen:

 

 

TANTE THEA von Frank Wairer

Erfolgsgeschichten >>

Thea ist der Name einer alten Katze im Schwabacher Tierschutzhaus. In jüngeren Jahren mag sie ein auffallend schönes Tier gewesen sein: ein cremeweißes Fell, zwei dunkle Zeichnungen zwischen den Ohren, der Schwanz getigert. Man mag sie oft bewundert haben.

Als Häufchen Elend und eigentlich todgeweiht (Tierarzt Jeltsch) wurde sie im Sommer 2005 ins Heim gebracht und dass sie von heller Farbe ist, zeigte sich erst nach längeren Prozeduren (Hausmeisterin Brodowsky). Zu dieser Zeit war Thea schon mindestens siebzehn Jahren alt, schätzt der Doc.

Wie ich die Katzenstation das erste Mal betrete und noch dabei bin, Flur und Gehege zu überblicken, da schaut schon ihr spitzes Gesicht heraus. Als Einzige auf den Katzenbäumen hat sie sich erhoben und aufmerksam zwei Schritte getan. Sie springt hinunter zu Boden.

Sie ist sehr dürr mit eingefallenen Flanken und einem struppigen Fell. Ihre Beine sind schmutzig. Bei den Augen ist das Fell dunkel verfärbt und feucht. Sie kommt näher und neben leisem Schnurren höre ich, wie sie durch eine nasse Nase atmet. Sie reibt ihr Gesicht an meiner Hand, ich hebe sie hoch und merke, dass sie die Krallen nicht einzieht.

Das ist Tante Thea, sie ist federleicht. Ich war auf sie schon vorbereitet, der Arzt hat sie beschrieben. Absolut unvermittelbar, sagt er – zum Glück! Denn sie ist die Mutter Teresa der Katzenstation. So mancher Neuzugang ins Tierheim, manche entwurzelte Katzenkreatur wird von Tante Thea begrüßt und getröstet. Kleinen Katzen ist sie Mutter. Scheuen Einzelgängern gibt sie Vertrauen in der fremder Umgebung. Sondereinsatz „Küchenkatze“: Ein Neuling, der sich im Geschirrschrank verkrochen hatte, kam wieder heraus, als auch Tante Thea dort übernachtete und ihm Gesellschaft leistete.

Während ich diese Zeilen abends schreibe, ruht sie in der wieder still und dunkel gewordenen Station. Zwei Neuzugänge sind in Quarantäne. Zwei Katzen liegen auf der Krankenstation. Zwei Kater wurden am Nachmittag in ein neues Zuhause abgeholt. Was fühlt das alte Tier, wenn die anderen kommen und gehen? Ist es auch der Wunsch nach einem eigenen Zuhause, wenn Thea so aufmerksam zugewandt agiert?

Am Mittwoch schläft sie gerade in einem Korb hoch oben unter der Decke. Ich stelle sie in Arbeitshöhe. Thea hat sich halb erhoben, ihre Augen sind sauberer, die Pfoten schmutziger und ein dunkler Fleck auf ihrem Kissen rührt von der feuchten Nase her. Was gefällt ihr? Bürsten ist okay. Aber an den Flanken ist das Fell so verfilzt, dass man stundenlang zupfen müsste, und nach zwanzig Minuten scheint ihr das zu viel zu werden. Als ich einen Grind aus ihrem Augenwinkel nehmen will, schiebt sie meine Hand mit der Tatze weg. Sie schnurrt, doch ihre Bewegungen sind schwach und eigentümlich starr.

Dann schlüpft sie durch eine Zwischentür hinaus ins Quarantänezimmer und frisst von den Näpfen dort. Dabei gluckst und schnauft sie wie ein Wasserkocher. Die Hausmeisterin kommt herein und ihr schließt sich Thea nun an. Meinen Besuch nimmt sie gelassen. Die Tatze gegen meine Hand, ein langer Blick hinaus durch die verriegelte Katzenklappe (draußen ist noch Winter) – das sind schon ihre stärksten Willensäußerungen. Aber als wir nach eineinhalb Stunden das Gehege schließen, da stellt sie sich drinnen hin und schaut aufgeregt heraus zu uns und hätte unsere Gesellschaft ganz offensichtlich noch ein bisschen länger begrüßt.

Eine Zeit lang besuche ich sie. Einmal geht es ihr nicht gut, sie keucht durch ihre von Krankheit zerstörten Schleimhäute und will von gar nichts etwas wissen. Einmal steht sie im Flur, Menschen sind da, es ist etwas geboten und sie mittendrin: ein windschiefes Geschöpf mit wachem Blick. Das ist Tante Thea mit dem schönen Charakter! Ich hebe sie zärtlich hoch und lasse sie bald wieder runter, eine Kralle verhakt sich im Pullover und sie klagt mit dünner Stimme.

Sie springt auf einen Stuhl, der im Flur steht. Ich setze mich daneben auf den Boden und jetzt sind unsere Köpfe auf gleicher Höhe. Eine lange Viertelstunde lang sind wir per Du. Ich zupfe verfilzte Wolle und sie genießt es. Ich wische Rotz von ihrer Nase und sie widerspricht mit ihrer Tatze, aber ich wische noch einmal. Dann gehe ich für eine Weile hinaus zu den Menschen und wie ich zurückkomme, ist sie auf dem Stuhl eingenickt.

P.S. von Hausmeisterin Brodowsky: Immer wieder kehren meine Gedanken zurück zu Tante Thea und ich sehe ihr Gesicht vor mir und möchte gerne darin lesen können: Wie sieht's denn eigentlich draußen aus?
Na, du armer Mensch, was kann ich für dich tun? Nimm mich doch bitte mit. Mir fällt ein Spruch ein: Einen Cent für deine Gedanken, schön wär's!

 

zurück