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Tierschutzverein Schwabach e.V.

Menschen im Tierschutzhaus

Erzählungen
zuletzt bearbeitet von am 17.03.2009
Geschichten >> Erzählungen

Jemand sagt, es ist nebenbei bemerkt der Tierarzt aus Wolkersdorf, er sagt: So viel wie an diesem Samstag war hier lange nicht geboten, und es wäre schön, wenn uns das jemand aufschreibt. Ich versuche mich also zu erinnern, es ist schon eine Weile her, es war mein erster Besuch im Schwabacher Tierschutzhaus.

Da war ein einzelner Hund in der Hundebox, ein kurzbeiniger rauhaariger Dackelrüde, der endlos bellte. Da waren natürlich noch andere Hunde, einige gehörten zu den Vereinsleuten und einige zur Hausmeisterin. Auf dem Nachbargelände waren noch mehr Hunde, denn dort ist eine Hundeschule; etliche Schwabacher kommen samstags hierher und trainieren mit ihren Tieren. Der Kläffer ist als Einziger eingesperrt.

Die Hausmeisterin und Katzenwartin, Frau Brodowsky, fragt den Tierarzt, Herrn Jeltsch, ob sie vielleicht die Polizei verständigen soll. Denn wem der Dackel gehört, das weiß sie längst, und sie ruft seit Tagen dort an. Aber der Mann nimmt den Hörer nicht ab, und auch die Nachbarn wissen nicht, wo er ist – vielleicht liegt er ja tot in der Wohnung?

Doch kaum eine halbe Stunde später ist er plötzlich da, steht in dem engen Büro und will nicht zahlen. Er schaut ein bisschen verstaubt aus. Um so frischer ist die Frau, die ihn begleitet, sie führt einen vornehmen Pekinesen an der Leine und plaudert angeregt. Gerade droht der Doc ihr mit dem Zeigefinger: „Dann bleibt halt der Pekinese da!“

Denn der Dackelmann wie gesagt will nicht zahlen. Er  sagt, er hat die 30 Euro Pflegegeld nicht, die man von ihm verlangt (für drei Tage Kost und Logis). Treuherzig schlägt er sich an die Brust: Gestern waren noch 1200 Euro hier in seiner Tasche, ehrlich, aber bald wird er wieder Geld haben, dann wird er kommen und sogar 500 Euro zahlen!

Sein Dackelrüde, frisch aus der Box befreit, versucht indessen alles zu besteigen, was weiblich ist. Erst umklammert er den linken Arm der Hausmeisterin, als sie sich bückt und mit einem Tier spricht. Sie streift ihn ab, und er macht sich von hinten an die schwarze Hauskatze mit den weißen Spitzen im Brustfell ran. Die entzieht ihm ihre Kehrseite und faucht wütend. Nun wendet er sich einer schwarzen Hündin zu, aber auch bei ihr kann er nicht landen, denn sie ist etliche Nummern größer als er.

Irgendwann sind Rüde, Herrchen, Frau und Pekinese wieder fort. War es davor oder danach, dass ein Zahnarztehepaar aus Katzwang kommt und zwei leere Katzenkörbe dabei hat? Die werden nach Besichtigung der Katzenstation mit zwei männlichen Tieren befüllt, Moritz und Sell. Die Eheleute haben nicht die schönsten und jüngsten Kater ausgesucht, sondern sie holen zwei übrig gebliebene Seelen in ein neues Zuhause.

Moritz ist neun Jahre alt und hat, Laune der Natur, eine doppelte Zahnreihe oben im Maul. Der Doc will es zeigen und öffnet dem Kater den Schnabel – aber hallo, da ist nichts mehr. die Zähne sind alle fort! Eine chronische Mundhöhleninfektion hat sie dahingerafft. Die Zahnärztin aus Katzwang ist ein bisschen erschrocken: „Ja und was frisst er denn da?“ Der Doc beruhigt sie: „Der frisst das nasse Katzenfutter.“

Moritz ist noch nicht gechipt, das wird jetzt nachgeholt. Frau Brodowsky greift hinein in den Katzenkorb und hebt ihn heraus. Mit großen runden Augen hängt er ihr übern Arm. Mittels einer dicken Kanüle spritzt man ihm einen Chip, ein elektronisches Erkennungszeichen, unter die Haut im Nacken. Das Tier erduldet es stumm ergeben und schaut nur ein bisschen, als fällt ihm der Himmel auf den Kopf.

Über den anderen Kater, Sell, weiß ich nichts zu sagen, außer dass er seinen Namen nach den Leuten hat, von denen er ins Tierschutzhaus gekommen ist. Das Gespräch dreht sich jetzt um Zahnsteinentfernungen, und ich kann nicht unterscheiden, ob es um tierische oder menschliche Gebisse geht. Ob also die Katzwanger Zahnärzte ihre neuen Kater gelegentlich zum Tierarzt bringen werden, damit der sie behandeln kann, oder ob er als Patient zu ihnen gehen und selber behandelt werden wird. Eine Woche später höre ich beiläufig, dass die zwei Kater sich gut eingelebt haben.

Ein schöner kohlschwarzer Pudel mittlerer Größe ist ins Büro gedribbelt, man sieht, dass der letzte Friseurbesuch nicht lange zurückliegt. Das ist Ricky, ein wertvolles Tier mit Stammbaum. Vor wenigen Stunden ist seine Besitzerin im Notarztwagen verstorben, weiß der Doktor, sie hatte nur noch eine Lunge und konnte doch das Rauchen nicht lassen. Wieder fällt mir auf, dass zusammen mit all den verwaisten Tieren auch die Schicksale ihrer Menschen freihaus hierher ins Tierhaus geliefert werden.

Der arme Ricky, jammert eine Dame – von ihr wird noch die Rede sein –, der arme Ricky hat noch nicht begriffen, dass sein Frauchen nie mehr wiederkommt! In der Tat ist Ricky gut drauf, und vor allem stinkt er nach Geld. Der Doc verfügt, dass das Erbstück vorläufig unter die Fittiche der Hausmeisterin kommt, mal sehen, was das Testament der Verstorbenen über des Pudels Zukunft bestimmt. Eine Woche später sehe ich Ricky wieder, eingereiht in das Hunderudel um Frau Brodowsky, seine Frisur hat schon erheblich gelitten.

Der letzte Gast, der das Tierschutzhaus am späten Samstagnachmittag verlässt, ist die Dame, die Ricky bedauert hat. Sie hat einen Film gedreht und will etliche Exemplare davon hier lassen, denn auch das Tierschutzhaus kommt vor und von jedem verkauften Exemplar sollen dem Verein 5 Euro bleiben. Gegen ihren zähen Widerstand handelt man sie auf 35 Exemplare herunter, es ist ja sowieso kaum Platz im Haus.

Ich erinnere mich, dass sie zwischendurch sagte, zu Hause hat sie eine blinde Katze. Zwei Monate später nimmt sie noch eine zweite blinde und taube Katze aus dem Tierschutzhaus zu sich; ich habe dieses arme Tier nur einmal gesehen, wie es im Arm der Hausmeisterin lag und nach etwas Nähe schmachtete. Als Frau Brodowsky für eine Woche Fortbildung verreist, findet diese Katze ein neues Zuhause bei der Filmemacherin.
Und weil das Leben unglaublich krumme Wege führt, stürzt diese Dame wenige Wochen später bewusstlos zu Boden und wacht mit einem blinden Auge wieder auf. Nun ist sie also ihren Katzen noch ein bisschen näher.

So erinnere ich mich an diesen Nachmittag im Schwabacher Tierschutzhaus. Ich bin inzwischen öfter dort gewesen und weiß, dass er ungewöhnlich lebhaft war.
Aber am allermeisten hat sich mir Tante Thea eingeprägt, ein windschiefer Dauergast in der Katzenstation, eine sehr alte Katze mit einem schönen Charakter. Ihr widme ich einen anderen Text – und überhaupt bin ich froh, über alle diese sonst ungenannten Charaktere hier etwas schreiben zu können.

Frank Wairer

Letzte Änderung am 17.03.2009

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